Ende der Kreidezeit:
Vordenker fordern mehr digitale Kompetenzen in Schulen

G8 oder G9 – in Deutschland wird seit Jahren über Schulformen gestritten. Die Inhalte rücken dabei schon fast in den Hintergrund. Dabei sind gerade sie wichtig, eine Diskussion darüber ist es ebenso. Mehr Digitalangebote sollten auf den Lehrplänen stehen, meinen die Vordenker und fordern mehr digitale Kompetenz in Schulen. In einer Umfrage von The Boston Consulting Group (BCG) für die WirttschaftsWoche bemängeln die jungen Führungskräfte, dass Schüler zu wenig auf das Arbeitsleben vorbereitet werden.

Es waren nur drei Sätze, 135 Zeichen. Doch sie lösten eine Debatte um Bildung in Deutschland aus. Im Januar 2015 twitterte die damals 17-jährige Schülerin Naina aus Köln: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ Die Aussage sorgte für Wirbel, etliche Medien berichteten, selbst Bundesbildungsministerin Johanna Wanka äußerte sich zum Tweet. Viele Schüler unterstützten Naina, sie fühlten sich durch die Schule ebenfalls nicht gut auf das Leben – und damit auch auf die Arbeitswelt – vorbereitet.

Denn um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können, benötigen junge Menschen mehr als abstraktes Wissen. Das sieht auch die Vordenker-Community so. Eine Umfrage der Strategieberatung The Boston Consulting Group (BCG) für die WirtschaftsWoche unter jungen Führungskräften zeigt, dass vor allem Kompetenzen im Umgang mit neuen Techniken gefragt sind. Fast alle Vordenker fordern, dass Schüler im Unterricht künftig mehr digitale Kompetenzen erlernen. Mehr als die Hälfte der 107 Umfrageteilnehmer plädiert dafür, dass digitale Kompetenzen ein Hauptfach in Schulen wird. Der Meinung ist auch Vordenker Hendric Fiege, Senior Vice President DB Cargo AG: „Digitale Kompetenz wird eine Basiskompetenz wie Schreiben oder Rechnen, die  vom ersten Schuljahr an vermittelt werden muss und durchgängig in allen Fächern zu verankern ist.“

„Ohne ein breites digitales Verständnis und Offenheit für Digitalisierung und Innovation in der Bevölkerung droht Deutschland, den Anschluss im weltweiten Wettbewerb der Industrieländer zu verlieren“, sagt BCG-Partner Andreas Dinger, Leiter des weltgrößten BCG-Büros in München und Beirat von business@school. So heißt die Bildungsinitiative von BCG, mit der in den vergangenen Jahren tausende Schüler praxisorientiert Wirtschaft kennengelernt haben. „Wie man Digitalangebote entwickelt und selbstbestimmt nutzt, sollte dringend Teil des Schulunterrichts werden. Wir merken in unserer täglichen Arbeit, wie wichtig der natürliche Umgang mit digitalen Tools im Berufsalltag ist – und immer wichtiger wird.“

Mehr digitales Know-how für die Schüler – das setzt voraus, dass Lehrer entsprechende Inhalte selbst beherrschen und in den Klassen weitergeben können. Doch daran mangelt es. Die International Computer and Information Literacy Study kam in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass gerade einmal 9,1 Prozent der Lehrer in Deutschland täglich Computer im Unterricht einsetzen. Zum Vergleich: In den Niederlanden ist es mehr als jeder zweite Lehrer, beim Spitzenreiter Australien liegt die Quote bei 66 Prozent. Auch unabhängig von digitalen Kompetenzen stellen die Umfrageteilnehmer den Schulen kein gutes Zeugnis aus. Lediglich einer von fünf Vordenkern findet, dass deutsche Schulen eher gut auf das Arbeitsleben vorbereiten – insgesamt mehr als 70 Prozent werten ihre Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt als neutral oder eher schlecht. Neben den Eindrücken durch junge Bewerber und Berufsanfänger in den Unternehmen sprechen die Vordenker auch aus eigener Erfahrung: 52 Prozent der Befragten sagen, dass sie nur wenig des in der Schule Gelernten tatsächlich im Berufsleben anwenden können.

Wie könnte man also das Bildungssystem verbessern, um die Schüler fit für den Beruf zu machen? Die Mischung macht`s, meinen die Vordenker. Mehr als 40 Prozent plädieren für ein ausgewogenes Verhältnis von Grundlagenausbildung und Praxis in der Schule. Knapp die Hälfte bevorzugt eher eine Grundlagenorientierte Lehre, nur 13 Prozent stimmten für eine eher Praxis-orientierte Ausbildung. „Eine solide Grundausbildung in der Schule ist essenziell. Schulen sollten aber auch auf das Arbeitsleben vorbereiten“, sagt BCG-Partner Andreas Dinger. „Eine Ausbildung am Arbeitsmarkt vorbei hilft weder Schülern noch Unternehmen.“

Ein Mix aus Grundlagen und Praxis hätte auch der Kölner Schülerin Naina geholfen. Sie könnte Gedichtanalysen eventuell nur in drei Sprachen schreiben – wäre dafür aber mit breitem, praxisorientiertem Wirtschaftswissen ins Leben als Erwachsene gestartet.