Vordenker-Debatte:

„Politik reagiert nur dann, wenn es Probleme gibt“

Bei der Vordenker-Debatte diskutieren Entscheider, junge Führungskräfte und Gründer über Digitalisierung, Bildung und die Bundestagswahl.

Rote Sofas und Sessel, gedämpftes Licht, dicke Bücher in den Regalen ringsum – es ist gemütlich im Berliner Soho House. Doch die Wohnzimmeratmosphäre trügt: Bei der Vordenker-Debatte „Die Zukunft Deutschlands, da geht noch mehr“ geht es hoch her.

Die WirtschaftsWoche und The Boston Consulting Group (BCG) haben im Rahmen der gemeinsamen Vordenker-Initiative Entscheider von heute mit jungen Führungskräften zusammengebracht. Bei der Debatte am Mittwochabend diskutierte CDU-Politiker und Wirtschaftsexperte Michael Fuchs mit Tijen Onaran, Gründerin und Vorstand von Women in Digital e. V. und Vordenkerin, sowie Alexander Roos, Senior Partner bei BCG.

Alexander Roos (Senior Partner und Experte für strategische Unternehmensentwicklung, The Boston Consulting Group) diskutiert mit Vordenkerin Tijen Onaran (Gründerin und Vorstand Women in Digital e. V.) und Michael Fuchs (CDU-Politiker), moderiert von Max Haerder (Stv. Leiter Hauptstadtbüro WiWo).

Austausch mit Experten: Vordenker Benjamin Wüstenhagen (Geschäftsführer, K.lab educmedia GmbH) unterhält sich mit Alexander Roos (Senior Partner, BCG) über die Bundestagswahl.

Angeregte Diskussion: Vordenkerin Sophie Marquitan (Head of Business Development, Kiron Open Higher Education) besucht ebenfalls die Vordenker-Debatte „Die Zukunft Deutschlands, da geht noch mehr“.

Digitaler Wandel: Laut Michael Fuchs (CDU-Bundestagsabgeordneter) habe Angela Merkel Digitalisierung inhaliert, allerdings habe die Bundesregierung es in dieser Legislaturperiode noch nicht geschafft, die digitale Infrastruktur zu modernisieren.

Umstieg auf das Digitale: Alexander Roos (Senior Partner, BCG), hier neben Tijen Onaran (Gründerin und Vorstand, Women in Digital e. V.) berät Unternehmen und sagt: „Sie müssen alte, bisher extrem erfolgreiche und viel Geld generierende Geschäftsmodelle hinter sich lassen.“

Frage aus dem Publikum: Vordenkerin Diana Heinrichs (Gründerin, Lindera) hakt bei den Experten auf dem Podium nach.

Spannender Diskurs: Malte Dous (Head of Partner Program, Zalando) tauscht sich mit den anderen Teilnehmern der Debatte aus.

Entscheider, Gründer und junge Führungskräfte: Unter den Gründern, die zum Thema Bundestagswahl diskutieren, ist auch Julian Leitloff (Geschäftsführer und Gründer, Stilnest).

Die Zukunft Deutschlands, da geht noch mehr: Entscheider von heute und Vordenker debattieren im Berliner Soho House.

Digitale Bildung: Die Vordenkerin Tijen Onaran (Gründerin und Vorstand, Women in Digital e. V.) vertritt den Standpunkt, dass wer von klein auf digitales Denken gelernt hat, sich in der heutigen Welt besser zurechtfindet.

Der Moderator des Abends: Max Haerder (Stv. Leiter Hauptstadtbüro, WiWo) führte durch die Debatte.

„Wir leben mitten in einem rapiden Wandel“, eröffnet CDU-Politiker Michael Fuchs die Diskussion. „Man denke nur beispielsweise an all die deutschen Unternehmen, die untergegangen sind, weil sie den technischen Wandel nicht als Chance begriffen haben.“ Die Frage, ob die großen Parteien die Digitalisierung nicht engagiert genug angehen, weil ihre Mitglieder überwiegend in einem Alter seien, in dem sie dieses Thema nicht ernst genug nehmen, pariert er: „Angela Merkel hat Digitalisierung inhaliert“, verteidigt Fuchs die Bundeskanzlerin. Allerdings habe es die Bundesregierung in dieser Legislaturperiode noch nicht geschafft, die digitale Infrastruktur in Deutschland wie geplant und notwendig zu modernisieren. Hier gebe es noch viel zu tun.

„Die Technik ist ja nur die Grundausstattung, Digitalisierung ist auch eine Frage der inneren Einstellung“, sagt Tijen Onaran, Gründerin und Vorstand Women in Digital e. V. und Mitglied der Vordenker-Initiative. Das fange in den Schulen an, wo das Lehrpersonal meist ebenso wenig technologieaffin sei wie viele Mitglieder der politischen Parteien. Informations- und Kommunikationstechnologie gehöre als Fach auf den Lehrplan, Lehrer sollten Arbeitsgemeinschaften und Workshops zum Thema anbieten. „Wer von klein auf digitales Denken gelernt hat, findet sich in der heutigen Welt einfach besser zurecht.“

Wie schwer der Umstieg auf das Digitale vielen etablierten Unternehmen hierzulande fällt, erklärt BCG-Experte Alexander Roos, der bei BCG global für die Praxisgruppe Corporate Development zuständig ist. „Sie müssen alte, bisher extrem erfolgreiche und viel Geld generierende Geschäftsmodelle hinter sich lassen und neue Wege begehen“, sagt der BCG-Partner. „Ohne – zumindest sanften – Druck ist das kaum zu schaffen.“ Außerdem sieht er einen zweiten Hebel. Der Prozess müsse direkt an die Unternehmensleitung angebunden sein. „Digitalisierung muss Chefsache sein“, sagt Alexander Roos, „und zwar nicht nur die Technik, sondern auch die Suche nach Talenten.“ Mit Blick auf die Digitalisierung empfiehlt er Unternehmen, zweigleisig digitale Talente aufzubauen. „Unternehmen sollten sowohl neue Digitalexperten einstellen als auch die aktuelle Mannschafft für Digitales weiterbilden.“

Deutschlands momentane wirtschaftliche Stärke erzeugt einen solchen Druck allerdings nicht. „Politik“, sagt CDU-Politiker Fuchs, „reagiert nur dann, wenn es Probleme gibt.“ Und so froh man über den derzeitigen Zustand der deutschen Wirtschaft sein könne – wenn es um den notwendigen Anreiz für mehr wirtschaftspolitische Anstrengungen geht, gehe es uns hierzulande derzeit fast zu gut.

Fotos: Marc-Steffen Unger für die Verlagsgruppe Handelsblatt