Was nach der Globalisierung kommt

Protektionismus, Isolationismus, Nationalismus – längst tot geglaubte Begriffe bestimmen wieder die politische Debatte. Mit fatalen Folgen: Die Toptalente aus Wirtschaft und Gesellschaft trifft das unmittelbar, denn sie empfinden sich als Gewinner der Globalisierung, wie eine Umfrage in der Vordenker-Community belegt.

Am Abend des 23. Juni vergangenen Jahres gingen viele Europäer noch recht sorglos zu Bett – auch wenn sie als Briten auf dem europäischen Festland lebten oder umgekehrt als Bürger anderer EU-Staaten in Großbritannien. Sie genossen es, relativ unbürokratisch auf dem ganzen Kontinent arbeiten, im Ausland leben und andere Kulturen kennenlernen zu können. Am Morgen des 24. Juni kam dann der Schock: Das Brexit-Referendum hatte all das über Nacht infrage gestellt.

Einst weltoffene, urdemokratische Nationen wie die Vereinigten Staaten und Großbritannien grenzen sich gerade vom Rest der Welt ab, wollen Handelsschranken und Einreisebeschränkungen erlassen. US-Präsident Donald Trump plant nichts weniger, als eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu errichten. Die geplante Transpazifische Partnerschaft, ein Freihandelsabkommen wichtiger Staaten rund um den Pazifik, hat er bereits verlassen. Vom atlantischen Pendant TTIP spricht schon niemand mehr.

Die Globalisierung gerät ins Stocken. Und das hat Konsequenzen, die die topqualifizierten Nachwuchskräfte in den Unternehmen wie im öffentlichen Sektor unmittelbar treffen. Denn sie profitieren nach eigener Einschätzung weit überwiegend von der Globalisierung, wie eine Umfrage unter den Mitgliedern der Vordenker-Community zeigt. Bei ihnen handelt es sich um im Schnitt 39 Jahre alte Toptalente in Führungspositionen. Von den knapp 170 Teilnehmern der Befragung sagen beeindruckende 81 Prozent, sie halten sich für einen Globalisierungsgewinner. Warum? „Weil ich bessere Ausbildungs- und Karrierechancen habe“, „weil es gut für meine persönliche Entwicklung und den kulturellen Austausch ist“, sind typische Antworten.

Auch ihre Unternehmen seien Globalisierungsgewinner, geben immer noch 73 Prozent der Befragten an. Nur für bescheidene fünf Prozent der Vordenker überwiegen die Nachteile der Globalisierung. Logische Konsequenz: Trotz Brexit, Trump und AfD setzen die meisten Unternehmen weiterhin auf die Globalisierung (insgesamt 82 Prozent), die Hälfte von ihnen strebt sogar verstärkt ins Ausland (39 Prozent).

Die Vorbehalte der Alten

Das alles sind sicherlich für Vertreter dieser Generation mit ähnlichen beruflichen Positionen typische Stimmungsbilder. Doch die Mitglieder der Vordenker-Community sind sich durchaus bewusst, dass im Rest der Gesellschaft die Skepsis gegenüber der Globalisierung größer ist. Schon die Haltung ihrer Vorgesetzten oder ihrer eigenen Freunde schätzen sie zurückhaltender ein. Im Durchschnitt der Gesellschaft und vor allem bei älteren Menschen vermuten sie gar eine negative Einstellung.

Auch deshalb erleben die meisten Vordenker (64 Prozent) den demografischen Wandel und die damit verbundene Alterung der Gesellschaft als Bedrohung. Die Befragung verdeutlicht, wie tief der Graben zumindest zwischen Teilen der jungen und der alten Generation ist. „Es entscheiden Personen über die Zukunft, die die Zukunft nicht mehr erleben werden“, ist eine der Sorgen der Befragten. Oder: „Mutige Entscheidungen haben keine Chance“, „wir werden mehr konsumieren und weniger in die Zukunft investieren“ meinte ein Vordenker, der anonym bleiben möchte. Diese Haltung birgt enormen sozialen Sprengstoff.

Auch Andreas Wittmann, einer der beiden Geschäftsführer von BeeZero, ein Start-up aus der Ideenschmiede der Linde Group, erlebte zunächst Vorbehalte der älteren Generation im Unternehmen: „Gerade in der Anfangsphase sind wir mit der Idee eines Carsharing-Konzepts mit Wasserstoff gegen die ein oder andere Konzernmauer gelaufen. Zum Glück war das Projekt jedoch von Anfang an Chefsache. Ohne die Unterstützung von ganz oben ist ein solches Projekt kaum umsetzbar“.

Zumindest für Unternehmen gilt aber: „Zusammenarbeit, Wissenstransfer und auch Reibung zwischen den Generationen sind wesentliche Bedingungen für Innovation“, betont Rainer Strack, Senior Partner bei The Boston Consulting Group und renommierter Personalexperte. Damit entwickle die Vielfalt der Identitäten und Ansprüche ihre eigene Kraft. Was es aber je nach Organisation maßgeschneidert zu managen gelte – mit flexiblen Angeboten für die jungen, digitalen Talente und die erfahrenen Babyboomer, so Strack.

Die Verantwortung der Jungen

Wie beim demografischen Wandel gilt es auch die sozialen Folgen der Globalisierung zu lindern. Den Vordenkern ist durchaus bewusst, dass freier Handel, Automatisierung und Digitalisierung die Lücke zwischen Gutverdienern und Geringverdienern immer weiter vergrößert. Um die Ungleichheit wieder zu verringern, empfehlen die Vordenker Maßnahmen wie „mehr Investitionen in Bildung“ (33 Prozent), „ältere und weniger Qualifizierte wieder abholen“ (22 Prozent) und „glaubwürdige Politiker, die die Vorteile der Globalisierung besser erklären“ (19 Prozent).

Die Teilnehmer der Umfrage sehen nicht nur die Politik, sondern auch die eigene Generation in der Verantwortung – der sie aber nicht gerecht wird. 85 Prozent der Vordenker haben den Eindruck, dass sich junge Menschen nicht stark genug in den (wirtschafts-)politischen Diskurs einbringen.

Anders sie selbst. Denn die Vordenker verstehen sich selbst als Vorbilder. 71 Prozent der Befragten geben an, sich persönlich für eine weltoffene Wirtschaft und Gesellschaft zu engagieren. Sei es im Beruf oder in Verein und Ehrenamt. Damit die Widersprüche zwischen Nationen, Religionen und Ideologien eben nicht noch größer werden.

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