Goodbye Deutschland – die junge Elite drängt ins Ausland

Mit der Pariser Metro zur Arbeit, in Tokio mit Kollegen zu Mittag essen, in Mumbai lernen, wie man richtig verhandelt – für die meisten Vordenker sind berufliche Auslandserfahrungen wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere.

Warum in die Ferne schweifen? Weil das Gute nicht immer nahe liegt. Die Top-Talente Deutschlands – Vordenker, mehrheitlich Führungskräfte, im Schnitt von 38 Jahre alt  – suchen ihr Glück und die damit verbundene berufliche Weiterentwicklung häufig im Ausland. Das ist das Ergebnis einer Analyse von The Boston Consulting Group (BCG) und WirtschaftsWoche, der eine Befragung von 120 Top-Talenten der deutschen Wirtschaft zugrunde liegt. Während 91 Prozent der Vordenker einen Auslandsaufenthalt für attraktiv halten, sagen nur 44 Prozent aller deutschen Arbeitskräfte, dass sie einen Job im Ausland in Erwägung ziehen würden.

Kein Wunder: Karriere und Auslandserfahrung stehen in einem engen Zusammenhang. „Die Mehrheit der Vordenker glaubt, Expat-Erfahrungen sind wichtig für eine erfolgreiche Karriere“, sagt Rainer Strack, Senior Partner und Managing Director bei The Boston Consulting Group. Der renommierte Personalexperte hat in der Analyse „Nesthocker oder Weltenbummler“ die Mobilität der Vordenker untersucht.

Wie wichtig Auslandserfahrungen für die Karriere sind, berichtet eine Vordenkerin aus eigener Erfahrung: „Ich bin davon überzeugt, dass Personen, die eine solche persönliche Entwicklung genommen haben, erhöhte Chancen auf dem heimischen Arbeitsmarkt haben“, sagt Jannika Bock, Head of Measurement & Attribution (Central Europe) bei Google Germany.

Dass nicht noch mehr Deutsche ins Ausland drängen, liegt etwa daran, dass der heimische Arbeitsmarkt relativ viel Stabilität und gute Verdienstchancen bietet. Deutsche gehen nicht aus Not ins Ausland, sondern für die persönliche und berufliche Entwicklung.

Vordenker hoffen, im Ausland vor allem interkulturelle Kompetenzen zu erwerben und ihr Netzwerk zu erweitern – also Soft Skills, die für die Karriere heute zuweilen noch wichtiger sind als spezielle Fachkenntnisse. 80 Prozent der befragten Vordenker schätzen an der Auslandserfahrung die Möglichkeit, eine andere Kultur zu erleben, und 61 Prozent hoffen, neue Kontakte zu knüpfen.

Die Vordenker unterscheiden sich an diesem Punkt vom durchschnittlichen deutschen Arbeitnehmer: „Sie scheinen deutlich mehr Wert zu legen auf kulturelle Erfahrung, persönliche Herausforderungen und Zugang zu neuen Netzwerken“, sagt Rainer Strack. In der Studie „Decoding Global Talent“ hat er mit seinem Team und The Network, einem internationalen Zusammenschluss führender Online-Jobbörsen, weltweit 200.000 Arbeitnehmer zu Themen globaler Mobilität befragt, davon mehr als 16.000 aus Deutschland.

Doch auch Erfahrungen, die sich nicht in einem Lebenslauf wiederfinden werden, sind für die Vordenker wichtig. Google-Managerin Bock sagt, dass man sich im Ausland Neugierde, Aufgeschlossenheit und eine globale Denkweise aneignen könne: „Wer im Ausland gelebt und gearbeitet hat, verändert seinen Blickwinkel auf Deutschland und die Welt“, sagt sie.

Die drei wichtigsten Erfahrungen und Fähigkeiten, die Vordenker im Ausland gewinnen wollen, drehen sich alle um Erfahrungen in einer fremden Kultur: Sie hoffen auf interkulturelle Kompetenzen und darauf, ihren Horizont zu erweitern und offener zu werden. Dennoch soll ihnen die Kultur im Ausland nicht allzu fremd sein.

Am liebsten würden die Vordenker in den USA, Kanada oder Australien arbeiten – allesamt westliche Kulturen, die der eigenen relativ ähnlich sind. Die Vordenker wollen zwar Neues erleben, aber im Privatleben und Arbeitsalltag auch nicht vor allzu großen Hürden stehen. Aktuell kommen asiatische, arabische und afrikanische Länder für Vordenker nicht infrage wegen Sicherheitsbedenken, kultureller Differenzen und der Einstellung gegenüber Frauen und Homosexuellen.

Die Deutschen sind in diesem Bedürfnis nicht allein. In der BCG-Studie „Decoding Global Talent“, für die Arbeitskräfte aus aller Welt über ihr Interesse an Auslandserfahrung berichteten, wurden London, New York und Paris am häufigsten als Wunschziel für einen Auslandsaufenthalt genannt.

Für zwei Drittel der befragten Vordenker ist der Traum vom längeren Auslandsaufenthalt schon längst Wirklichkeit geworden. Doch das reicht vielen noch nicht: Drei Viertel sagen, dass sie in Zukunft erneut im Ausland arbeiten möchten.

Der Aufenthalt soll nicht nur ein kleiner Abstecher sein: Die meisten Vordenker würden am liebsten drei bis fünf Jahre im Ausland arbeiten. Einen Aufenthalt von mehr als zehn Jahren können sich nur drei Prozent vorstellen. Doch diejenigen, die aktuell schon in einem anderen Land leben, sehen dieses zuweilen längst als neue Heimat an: Zwei Drittel der Vordenker-Expats planen in naher Zukunft keine Rückkehr nach Deutschland.

Deutsche Arbeitgeber sollten das Fernweh zulassen, wenn sie Top-Talente halten wollen. Denn berufliche Auslandserfahrungen zu ermöglichen, wird zumindest von den Vordenkern als Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere verstanden.