Digitaler Wandel ohne digitale Talente

Es ist der Megatrend unserer Zeit: die Digitalisierung. Sie entscheidet über die Zukunft unserer Wirtschaft. Doch den Unternehmen fehlen die richtigen Talente und die richtige Kultur, um den digitalen Wandel zu meistern. So das Ergebnis einer exklusiven Umfrage in der Vordenker-Community. Aber es gibt auch überraschende Vorbilder – die Mut machen.

Fast jeden Tag taucht irgendwo eine Studie auf und beschwört die Bedeutung der Digitalisierung. Daten der Kunden systematisch zu nutzen; fürs Marketing konsequent auf Online-Kanäle zusetzen; die eigene Fertigung quasi im Virtuellen nachzubauen – all dies gilt als Schlüssel für die Wettbewerbsfähigkeit, letztlich für das Überleben von Unternehmen.

Umso erschreckender ist es, wenn die Mitglieder der Vordenker-Community wenig Vertrauen in die digitalen Fähigkeiten der eigenen Unternehmen haben. In diesem Netzwerk haben WirtschaftsWoche und The Boston Consulting Group (BCG) über 300 handverlesene Nachwuchsführungskräfte zusammengebracht.

In einer Umfrage unter diesen Top-Talenten schätzen sie die digitalen Kompetenzen ihrer Organisationen als allenfalls mittelmäßig ein, um heute erfolgreich zu sein. Um genau zu sein: Auf einer Skala, die von 1 (sehr schlecht) bis 5 (sehr gut) reicht, vergeben sie im Durchschnitt eine 3,3. Und sind noch einmal pessimistischer, wenn es um das erforderliche Know-How für neue Geschäfte in der Zukunft geht (Note 3,0). Eine Einschätzung, die auch BCG-Senior Partner Rainer Strack teilt: „Viele deutsche Unternehmen lassen sich nur schwer ins digitale Zeitalter führen.“

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Fehlende Digitale Talente

Die Befragung der Vordenker wirft damit ein Schlaglicht auf die Situation in den deutschen Unternehmen. Sie zeigt, mit welchen Problemen Manager heute im Alltag zu kämpfen haben, sie lässt aber auch erkennen, welche Lösungen es gibt.

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Der digitale Wandel in den Unternehmen stocke, weil Mitarbeitern und Führungskräften die Qualifikation sowie das Verständnis für die Digitalisierung fehlten, beklagen jeweils exakt 77 Prozent der insgesamt 167 Befragten. Die Lage spitzt sich noch weiter zu, weil mehr als die Hälfte der Vordenker (56 Prozent) nicht genügend digitale Talente für Ihre Teams finden, um die Kompetenz-Lücken zu schließen – sie also unter einem eklatanten Expertenmangel leiden.

Allerdings ist dieser Mangel ein Stück weit selbstverschuldet. Denn die Unternehmen suchen vor allem extern nach Mitarbeitern mit digitalen Kompetenzen (86 Prozent), nur die Hälfte (52 Prozent) nutzt den internen Talentpool. „Wer glaubt, die Digitalisierung nur mit externen Talenten zu meistern, der irrt“, warnt BCG-Partner Strack. Firmen müssten bei ihrer Personalplanung frühzeitig Lücken erkennen und Mitarbeiter fortbilden, sonst verschenkten sie viel Potenzial.

Auch Wilko Andreas Stark, beim Autohersteller Daimler für die Strategie der Automobilsparte zuständig, hat erkannt: „Wir müssen unsere Mitarbeiter in das neue Zeitalter mitnehmen und für die Digitalisierung begeistern.“

Weiterer Fehler: Viele Unternehmen setzen nicht die richtigen Anreize für die Digital-Talente. Die Mitglieder der Vordenker-Community wollen die IT-Experten durch „spannende Aufgaben“ (82 Prozent), ein „System der Wertschätzung“ (59 Prozent) und das „Fördern unternehmerischen Denkens“ (51 Prozent) motivieren. Doch Studien zeichnen ein anderes Bild von der Generation Y, der in den 80- und 90iger Jahren geborenen, aus der viele digitale Fachleute stammen. Diese Mitarbeiter, legen neben einer herausfordernden Aufgabe auch wert auf Materielles wie – ganz simpel – ein hohes Gehalt. Oder auf gute Karrieremöglichkeiten. Dagegen halten nur 18 Prozent der Vordenker hohe Einstiegsgehälter für wichtig.

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Prinzip Selbstzweifel

Immerhin haben die befragten Vordenker eine genaue Vorstellung, welche Fähigkeiten ein Digital Leader benötigt – wenn es also auch um sie selbst geht. Das sind vor allem soziale Kompetenzen: die „Offenheit für digitalen Wandel“ (82 Prozent), „Verständnis für kulturelle Rahmenbedingungen“ (74 Prozent), „Bereitschaft zum Delegieren von Aufgaben“ (66 Prozent). Fachliche Kompetenzen wie etwa technisches Know-How (30 Prozent) halten sie dagegen für deutlich weniger wichtig.

Und sie wissen auch, dass sie sich als Digital Leader nicht auf ihrem Wissen ausruhen dürfen: „Ich hinterfrage ständig gelernte Routinen“, erklärte ein Vordenker, der anonym bleiben wollte. „Ich teste neue, digitale Elemente im beruflichen und privaten Leben“, sagte ein anderer. Philipp Ulbrich, Manager beim Energiekonzern E.On, wiederum versucht viel von Gründern zu lernen: „Sie schaffen es, konsequent digital zu denken.“

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Die Softskills betonen die Vordenker auch deshalb, weil aus ihrer Sicht durch die Digitalisierung die Mitarbeiterführung eher schwieriger wird. Auf der anderen Seite bringt sie aus ihrer Sicht auch handfeste Vorteile: etwa mehr Flexibilität, was Arbeitszeiten und -orte angeht, mehr Karrierepfade stehen offen, Hierarchien werden flacher, die Chancen auf Selbstverwirklichung steigen. Insgesamt sehen die Vordenker damit der Digitalisierung positiv gegenüber.

Und für sie gibt es durchaus deutsche Unternehmen, die digitale Vorreiter sind – in Branchen, die auf den ersten Blick überraschen. Denn am häufigsten haben die Befragten Autohersteller Daimler als Vorbild genannt. Der Konzern habe bereits digitale Geschäftsmodelle entwickelt, rekrutiere erfolgreich digitale Talente und habe ein großes internationales Partnernetz. Auf Platz zwei folgt der Verlag Axel Springer, der sich komplett digital transformiert habe, großes Verständnis für digitale Entwicklungen besitze und ebenfalls digitale Geschäftsmodelle entwickle. Erst danach folgen erwartbare Konzerne wie der Software-Riese SAP, der Online-Modehändler Zalando und der E-Commerce-Vorreiter Otto. Trotz aller Skepsis und (Selbst-)Kritik: ein paar Digital-Pioniere gibt es also doch in Deutschland.