Vielfalt – der vernachlässigte Erfolgsfaktor

Alle wollen Diversity, doch im Alltag deutscher Unternehmen ist es mit der Vielfalt nicht zum Besten bestellt. Zu diesem ernüchternden Ergebnis kommt die erste Umfrage unter den Mitgliedern der VORDENKER-COMMUNITY.

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Für Andrea Kraus ist klar: „Wenn alle gleich denken und ähnlich sind, bleibt man zwar immer in der Wohlfühlzone. Doch aus meiner Sicht gelangt man so selten zum Optimum.“ Kraus ist Managerin in einem großen IT-Konzern und einer der 257 handverlesenen Nachwuchsführungskräfte in der VORDENKER-COMMUNITY von WirtschaftsWoche und Boston Consulting Group, die am ersten Umfrage-Panel teilgenommen hat. Nur durch unterschiedliche Denkweisen, Wertesysteme oder Lösungsansätze würden Reibungsflächen entstehen, weiß sie aus eigener Erfahrung: „Das schafft Innovation“.

Und Innovationen sorgen für neuen Umsatz und Gewinn. Diese Zusammenhänge zwischen Vielfalt in der Zusammensetzung von Teams und dem Unternehmenserfolg entspricht nicht nur der persönlichen Erfahrung von Managerin Kraus. Sie sind längst empirisch von der Managementforschung belegt. Studie um Studie zeigt: Firmen mit diverser Belegschaft erzielen höhere Erträge. So lag zum Beispiel bei 180 börsennotierten Konzernen in Frankreich, Deutschland, Großbritannien und den USA der Return on Equity von denjenigen 25 Prozent Unternehmen mit besonders diversen Topmanagement um die Hälfte höher als bei denjenigen 25 Prozent mit der geringsten Vielfalt – über mehrere Jahre hinweg.

Angesichts dieser beeindruckten Belege wundert es, wie schwer sich die deutschen Unternehmen mit dem Thema tun. Sie nutzen Diversität gerne als Aushängeschild für moderne Personalführung nach außen, doch nach innen passiert noch wenig. So geben 81 Prozent der befragten Community-Mitglieder an, dass es ein offizielles Ziel ihrer Organisation sei, Diversität zu fördern. Auf der anderen Seite haben gerade einmal bescheidene 4 Prozent genaue Vorgaben und weitere 31 Prozent wenigstens beschriebene Ziele.

Dabei sehen 76 Prozent der Vordenker Vielfalt als wichtig für die Innovationskraft eines Unternehmens an. Nur die Qualifikation der Mitarbeiter schätzen 78 Prozent als noch bedeutsamer ein. Führungsstrukturen, Governance und Prozesse halten dagegen nur 69 Prozent für entscheidend. Spannend ist auch, was die aufstrebenden Führungskräfte unter Vielfalt verstehen. Für sie ist Diversity mehr als nur ein ausgewogenes Verhältnis der Geschlechter. Wichtig ist ihnen, dass Menschen mit unterschiedlichen Karrierewegen (74 Prozent) oder Ausbildungen (71 Prozent) in einem Team zusammenarbeiten. Sexuelle Orientierung oder Religionszugehörigkeit spielen aus ihrer Sicht keine Rolle.

Was also tun, um Vielfalt zu fördern? „Spezielle Trainings können Teamleiter sensibilisieren“, sagt Rocio Lorenzo, Partnerin bei BCG. Immerhin ein Viertel der Vordenker hat derartige Kurse absolviert. Von Quoten halten dagegen die wenigstens Befragten etwas. Nur 23 Prozent der Frauen und gar nur zehn Prozent der Männer befürworten derartige fixierte Zielvorgaben. IT-Managerin Kraus empfiehlt eher bei den Arbeitsbedingungen anzusetzen: Die müssten dem entsprechen, was heute Talente wollten – „flexibel zu sein, sowohl für Frauen als auch für Männer“.